Still und heimlich hat Affine Records dieser Tage die Dekade voll gemacht. Denn vor ziemlich genau 10 Jahren, im Oktober 2008, hat das in Wien ansässige Musiklabel mit Dorian Concept´s “Maximized Minimalization” Vinyl Veröffentlichung seine Katalognummer 001 in den Orbit hinausgeschossen. Doch in “Zeiten wie diesen” würde sich bloss ein blumiges Enkomion nicht wirklich richtig anfühlen und ausschließlich auf einer polierten Nostalgieklaviatur zu spielen greift ebenfalls zu kurz. Zumal die Gründung von Affine Records ja nicht gerade in eine Zeit gefallen ist, wo überschwängliche Aufbruchsstimmung geherrscht hat. Denn die “goldenen Jahre der Musikindustrie” kennen wir ohnehin nur aus Erzählungen und die hässliche Fratze des Plattformkapitalismus war bereits damals schon in Ansätzen erkennbar.

Doch insgesamt und subjektiv betrachtet, war 2008 dennoch die “Zeit der Chancen” in einem privilegierten Umfeld (Wien, Österreich) mit einer mehr oder weniger funktionierenden Öffentlichkeit (Europa). Einer Öffentlichtkeit die sich unter anderem aus den gewachsenen Strukturen klassischer bzw. subkulturell gefärbter Medien und den Vorzügen der noch soft eingestellten Algorithmen der Social Media zusammegesetzt hat. Ein nahezu idealer Hybrid für ein ambitioniertes Musiklabel das anfangs ohne wirklichen Masterplan, null Start-Up-Mentalität und im Prinzip als typisches DIY Unterfangen begonnen hat. In weiterer Folge wurde aus einem zarten Pflänzchen ein Baum mit weit verzweigten Ästen. In regelmässiger Unregelmässigkeit hat Affine Records, Musik in verschiedenen Formaten veröffentlicht, diverse inhaltliche und stilistische Schwerpunkte gesetzt, Artists begleitet und mitgeformt. Die Generierung von Öffentlichkeit war dabei selbstverständlich ein notwendiger und ständiger Begleiter. Ein grundsätzlich spannender und herausfordernder Prozess für Artist und Label. Aber es steckt auch seit jeher im “Affine Headquarter” eine ambivalente Haltung gegenüber einer opportunistischen Aufmerksamkeitsökonomie. Eine ambivalente Haltung die sich nach und nach zu einer klar ablehnenden Haltung entwickelt hat und sich ideologisch gegen die fortschreitende Privatisierung, Monopolisierung und Monetarisierung von Öffentlichkeit und den damit verbundenen Demokratieabbau stellt.
Denn was nutzen letztendlich eine handvoll Beats, wenn gleichzeitig Neoliberale und Neofaschisten im Gleichschritt ihre perfide Agenda durchsetzen? Und was nutzen mittel bis langfristig eine handvoll Beats, wenn zum Beispiel gleichzeitig Kunst & Kulturwerkstätten scheibchenweise die Existenzgrundlagen entzogen werden, Magazine quasi Woche für Woche ihren Betrieb einstellen müssen, junge Kulturschaffende und Journalisten per se keine ernsthaften Perspektiven mehr für einen Lebensunterhalt entwickeln können und überhaupt eine Gruppe von marginalisierten Menschen noch weiter ins Abseits gedrängt werden und dabei jeglicher Diskurs bei entscheidenden gesellschaftspolitischen Fragen desavouiert wird?
Wir, als Gesellschaft, haben es salopp gesagt soweit kommen lassen. Doch wir, als solidarische Gesellschaft, haben genauso die Kraft, die Fähigkeit und die Mittel eine neue Balance zu formulieren und uns dabei bewusst in den “Driver Seat der Verantwortung” zu begeben. Kompliziert. Einfach. Wie immer beides zugleich. Und wie geht es jetzt eigentlich mit Affine Records weiter? Nun, irgendwie geht es immer weiter und wir haben weiterhin vor bei unseren Kernkompetenzen zu bleiben. Doch zwischendurch geht es um nichts weniger als um die gemeinsame Zurückdrängung von autoritären Kräften und dabei den Ausbau und die Weiterentwicklung einer modernen Demokratie zu unterstützen.
Essay: Jamal H. (Gründer und Betreiber von Affine Records)
